Nach fast 40 Jahren engagiertem beruflichen Einsatz für den Sekundärrohstoff Schrott, davon rund 20 Jahre beim bvse, verabschiedet sich die international anerkannte bvse-Schrottexpertin Birgit Guschall-Jaik in den Ruhestand – allerdings nicht ohne letzte leidenschaftliche und wertschätzende Worte für den Schrott und die Menschen, die sich täglich um den wertvollen Sekundärrohstoff bemühen.

Die Passion fürs Schrottgeschäft wurde bvse-Referentin Birgit Guschall-Jaik (BGJ) bereits in die Wiege gelegt. Aufgewachsen im elterlichen Schrottunternehmen in Hilchenbach, in dem heute bereits die Kinder ihres Bruders in 3. Generation arbeiten, hat die Siegerländerin schon früh ein tiefes und grundlegendes Verständnis für die Bedürfnisse der Branche entwickelt. Und den Kampf für die Branche zu ihrem Lebensmotto gemacht. „Schrott ist halt auch meine DNA“, verrät die gefragte bvse-Schrottmarktexpertin in einem Interview, das RecyAktuell (RA) mit ihr geführt hat:

RA: Außergewöhnlich hoher Arbeitseinsatz, leidenschaftlich und so manches Mal auch kompromisslos im Kampf um die Bedürfnisse Deiner „Schrottis“, anpackend, schlagkräftig und dabei unglaublich hilfsbereit, so kennen und schätzen Dich nicht nur die bvse-Vorgesetzten und Kolleg:innen, sondern gleichermaßen auch unsere Mitglieder und Branchenvertreter:innen. Einen besonderen Namen und viel Anerkennung hast Du Dir u. a. mit der täglichen Schrottmarktinfo und der monatlichen Übersicht zum Marktgeschehen verdient. Erstaunt und gleichzeitig erfreut konnten die Empfänger:innen Deiner Schrottmarktinfo oft schon gegen Mitternacht neueste Informationen in ihren Postfächern finden, die andere Branchenteilnehmer:innen – wenn überhaupt – erst am nächsten Morgen aus der Presse erfuhren. Ein kleiner, aber sicher manchmal entscheidender Informationsvorsprung, den die über die Jahre wachsende Zahl Deiner Leser:innen zu schätzen wussten. Wie kam es eigentlich dazu?

BGJ: Das Thema Schrott beschäftigte mich bereits in meiner Diplomarbeit über den deutschen Stahlmarkt. Wertvolle Einblicke in die internationalen Schrottmärkte erhielt ich durch den elterlichen Schrotthandel. Nach dem Abschluss meines Studiums zum Diplomkaufmann im Jahr 1984 kam daher für mich auch nur die Job-Offerte des Deutschen Schrottverbandes in Frage – obwohl es durchaus diverse reizvolle Jobangebote aus anderen Branchen gab. Den damaligen Verbands-Geschäftsführer Rüdiger Utsch hatte ich während meiner Recherche zur Diplomarbeit kennengelernt. 1992 begann ich dann mit der Erstellung von Schrottmarktberichten für den Journalisten und Gründer des Fachmagazins Sekundär-Rohstoffe (heute: EU-Recycling) Peter Polz. Von 1987 bis 1998 arbeitete ich im elterlichen Unternehmen und bekam 3 Kinder. Nicht zuletzt durch diese Berichte hat sich der bvse für mich interessiert. Von 2004 bis heute war ich als Fachreferentin im bvse-Fachverband Schrott, E-Schrott und Kfz-Recycling.

RA: 40 Jahre Schrottmarkt – in dieser Zeit hat es sicher enorme Entwicklungen gegeben…?

BGJ: Das kann man wohl sagen! Bis 1986 waren Metallschrotte/Altpapier usw. Wirtschaftsgüter, ab 1986 wurden sie mit dem Abfallgesetz zu Abfall, dann in der nächsten Stufe Abfälle zur Verwertung. Durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz sollte der Kreislaufgedanke tiefergehender verankert werden, weil man festgestellt hatte, dass das Sammelaufkommen und das Verständnis des Abfallerzeugers für das Material durchaus mit einem positiv besetzen Begriff zusammenhängt und fortan brachte der Gesetzgeber die Wertstoffe ins Gespräch. Um aber das Endziel der Recyclingwirtschaft zu erreichen, müssen die Begriffe angepasst werden und seit Jahren lassen der deutsche und der europäische Verordnungsgeber immer die Sekundärrohstoffe in die Diskussionen einfließen. Für die Schrottwirtschaft ist das der schon immer genutzte technische Begriff zur Abgrenzung zu den Primärrohstoffen. Sekundärrohstoff ist ein akzeptierter Begriff und er steht für die Eigenschaft des Metallschrotts als ideales Kreislaufmaterial.

RA: Und dafür, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln, hast Du intensiv „gekämpft“. Mit Publikationen, Stellungnahmen und der intensiven Begleitung von Gesetzesvorhaben. Welche Schlagworte fallen Dir hierzu ein?

BGJ: Die Themen sind uns in all der Zeit tatsächlich nie ausgegangen. Und ja, tatsächlich, für viele Meilensteine habe ich gemeinsam mit dem bvse-Fachverband regelrecht gekämpft. Ein großes Anliegen war, unsere Unternehmen zu stützen und praktikable Lösungen an die Hand zu geben. Stichworte hierzu:

–        Späneleitfaden: Wichtige Publikation, die wir u. a. in intensiver Zusammenarbeit mit einigen anderen Verbänden veröffentlicht haben. Gedacht als Ratgeber gegen die Einstufung der Späne als gefährlicher Abfall.

–        Bargeldleitfaden gegen ein drohendes Bargeldverbot. Bargeld ist gelebte Freiheit – unser Credo: Wir wollen die Vorgaben einhalten und es soll jedem selbst überlassen werden, ob er solche Geschäfte tätigt oder nicht.

Wichtig war uns auch die Begleitung von Verordnungen und Gesetzen, sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene. Nennen möchte ich hier beispielsweise

–        die End-of-Waste-Verordnung (EOW) Schrott. Gemeinsam mit unserem Fachverband und den Verbandskollegen haben wir uns intensiv für die Verankerung der Freiwilligkeit und die Praktikabilität in dieser Verordnung eingesetzt.

–        Hart gerungen wurde im Gesetzgebungsverfahren zum Kreislaufwirtschaftsgesetz, das 2012 in Kraft trat. Von unserer Seite ging es darum, den Zugriff auf die Schrott/Sekundärrohstoffquellen zu sichern. Denn wer die Verfügungsgewalt über den Abfall hat, kann damit arbeiten. Aus politischen Erwägungen heraus erfolgte bedauerlicher Weise eine Bevorteilung der öffentlich-rechtlichen Entsorger, gegen die wir uns, genauso wie gegen die langsame Aushöhlung marktwirtschaftlicher Grundsätze unter dem Deckmantel des Umweltschutzes, immer wieder zur Wehr setzten.

–        Im Bereich des Kfz-Recyclings ist uns bis heute die Begleitung der Altfahrzeugverordnung ein dringendes Anliegen. Seit 2002 treten wir für eine vernünftige praktikable Ausgestaltung ein, die denjenigen bevorteilt, der die gesetzlichen Vorgaben, wie Zertifikate usw., einhält. Unermüdlich haben wir hier zum Beispiel die Stärkung des Verwertungsnachweises gefordert, der immer weiter verwässert wurde, weil der Verordnungsgeber nicht seinen Vollzugspflichten nachkommt.

–        Last but not least lässt uns aktuell die EU-Abfallverbringungsverordnung nicht ruhen. Wir fordern den freien Warenverkehr und kämpfen um den Zugriff auf den Schrott, der durch den Europäischen Green Deal und die damit eingeleitete Transmission hin zu klimaneutraler Produktion von der Stahlindustrie mit allen Mitteln gegen uns geführt wird.

RA: Es gab und gibt auch heute noch immer wieder dicke Bretter zu bohren, um die Kreislaufwirtschaft voranzubringen und dafür zu sorgen, dass sich die mittelständische Schrottwirtschaft am Markt weiter behaupten kann.

BGJ: Ganz sicher! Da warten noch viele Aufgaben auf meinen Nachfolger im bvse, Johannes Hanke, dem ich für die Zukunft weiterhin viel Erfolg und ebenso viele gute Mitstreiter wünsche. Denn erst wenn der Schrottkreislauf wirklich rundläuft, sind wir am Ziel.

RA: Das ist noch ein guter Punkt: Wie wichtig waren Weggefährten für Dich? Welche Menschen haben Dich besonders beeindruckt?

Wichtig war sicherlich jeder, mit dem ich Kontakt hatte, auf seine Weise, vor allem aber

–        meine Familie: ich bin in einem Schrotthandelsbetrieb groß geworden, mit einer Familie, die immer sehr innovativ und weitsichtig war. Da wurden die Grundlagen für meine Liebe zum Schrott gelegt.

–        Herbert Scheil und Carl Martin Nagel, die mich zum Deutschen Schrottverband (DSV) geholt haben und mit denen mein Verbandsleben angefangen hat. Beide waren äußerst interessante Gesprächspartner. Mit Herrn Scheil habe ich bis kurz vor seinem Tod die Schrottlage regelmäßig erörtert.

–        bvse-Hauptgeschäftsführer Eric Rehbock, weil er mir alle die Freiheiten eingeräumt hat, durch die ich meine Begeisterung für den Metallschrott ausleben konnte. Ich habe sein Vertrauen sehr geschätzt und ich bin sehr dankbar dafür, dass er es mir gewährt hat!

–        Der bvse-Schatzmeister und stellvertretende Fachverbandsvorsitzende Sebastian Will, der schon als sehr junger Mann über den Tellerrand blickte, Entwicklungen erkannte und zum Wohle der Branche zu interpretieren wusste. Er war immer eine große Stütze und hat meine volle Bewunderung.

–        Emmanuel Katrakis, der mich von der Notwendigkeit der Mitarbeit bei EuRIC durch seinen unermüdlichen Einsatz überzeugt hat, und Silke Casamassa, eine Kollegin, die leider zu früh verstorben ist und mir eine treue Ratgeberin und Freundin gewesen ist.

RA: Zu den Höhepunkten Deiner Arbeit im Fachverband wären sicherlich noch viele Punkte zu ergänzen. Wie beispielsweise das alljährliche Forum Schrott im Rahmen des bvse-Branchenforums, dass Du mit dem Fachverband und Deinen hervorragenden Kontakten zu hochkarätigen internationalen Fachexperten zum Treffpunkt der internationalen Schrottbranche entwickelt hast, oder auch das beliebte Seminarformat „Die Welt des Schrotts“.

Eines steht für das gesamte bvse-Team fest: Mit Deinem Eintritt in die Rente verlieren wir auf keinen Fall eine Mitarbeiterin, die im umgangssprachlichen Sinne zum „alten Eisen“ gehört – auch wenn wir wissen, wie sehr Du den Wert dieses Materials zu schätzen weißt – sondern eine wertvolle und beliebte Kollegin, die wir nur ungern gehen lassen. Für alles, was die Zukunft im neuen Lebensabschnitt für Dich bereithält, wünschen wir dem größten bekennenden Schalke-Fan des Verbandes zum Abschied: Glück auf und Danke Birgit!

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